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  • 2 Korinther 7-9  

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Von der Freyheith eines Christenmenschen

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Von der Freyheith eines Christenmenschen (lateinischer Titel: De libertate christiana) ist eine der zentralen Schriften Martin Luthers. Er hat die 30 Thesen 1520 verfasst als Reaktion auf die gegen ihn gerichtete pĂ€pstliche Bannbulle. Dem umsichtigen und weisen Herrn Hieronymus MĂŒhlpfordt, Stadtvogt zu Zwickau, meinem besonderen, wohlgesonnenen Freund und Patron entbiete ich, mit Namen Doktor Martin Luther, Augustiner, meinen willigen Dienst und alles Gute.

 

Umsichtiger weiser Herr und wohlgesonnener Freund, der ehrwĂŒrdige Magister Johannes Egranus, Prediger eurer löblicher Stadt, hat mir Eure Liebe und Lust gepriesen, die Ihr zu der Heiligen Schrift habt, welche Ihr auch eifrig bekennt und vor den Menschen zu preisen nicht nachlasst. Da er mich mit Euch bekannt machen möchte, bin ich ganz leicht dazu bereit und fröhlich dafĂŒr gewonnen; denn es ist mir eine besondere Freude zu hören, wo die göttliche Wahrheit geliebt wird, der leider so viele – und die am meisten, die sich ihres Titel brĂŒsten – mit aller Gewalt und List widerstreben. Aber es muss so sein, dass an Christus, der als ein Zeichen und zum Ärgernis gesetzt ist, viele sich stoßen, fallen und auferstehen. Darum habe ich, um den Anfang unserer Bekanntschaft und Freundschaft zu machen, Euch diesen Traktat, diese Predigt, auf Deutsch widmen wollen, welches ich auf Lateinisch dem Papst gewidmet habe. Damit habe ich jedermann den Grund meiner Lehre und meines Schreibens vom Papsttum angezeigt, der, wie ich hoffe, untadelig ist. Hiermit befehle ich mich Euch und alle der göttlichen Gnade. Amen.

Zu WittenbergZEFANIABIBLE_BIBLE_BOOK_NAME_  

 


Zum ersten.

Damit wir grĂŒndlich erkennen, was ein Christenmensch ist und wie es mit der Freiheit steht, die ihm Christus erworben und gegeben hat, wovon Paulus viel schreibt, will ich diese zwei SĂ€tze aufstellen:

Ein Christenmensch ist ein freier Herr ĂŒber alle Dinge und niemandem untertan.

Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

Diese zwei SĂ€tze liegen klar bei Paulus vor: 1Kor 9. Ich bin frei in allen Dingen und habe mich zu jedermanns Knecht gemacht. Ebenso Römer  13 Ich sollt niemand etwas schuldig sein, außer dass ihr einander liebt. Liebe aber, die ist dienstbar und untertan dem, was sie liebt. Ebenso heißt es von Christus Galater  4: Gott hat seinen Sohn gesandt, von einem Weib geboren und dem Gesetz untertan gemacht.

Zum Zweiten.

Um diese beiden widersprĂŒchlichen Redeweisen von der Freiheit und der Dienstbarkeit zu verstehen, mĂŒssen wir daran denken, dass ein jeder Christenmensch von zweierlei Natur ist, von geistlicher und leiblicher. Nach der Seele wird er ein geistlicher, neuer, innerer Mensch genannt, nach Fleisch und Blut wird er ein leiblicher, alter und Ă€ußerer Mensch genannt. Wegen dieses Unterschiedes werden in der Schrift SĂ€tze gesagt, die sich strikt widersprechen, so wie ich jetzt von Freiheit und Dienstbarkeit gesprochen habe.

Zum Dritten.

Zuerst nehmen wir uns den inwendigen, geistlichen Menschen vor, um zu sehen, was dazu gehört, dass er ein rechter, freier Christenmensch sei und heiße. Hier ist es offensichtlich, dass kein Ă€ußerliches Ding ihn frei und recht machen kann, wie immer es heißen möge. Denn sein Rechtsein und seine Freiheit, wie umgekehrt auch seine Bosheit und seine Gefangenschaft, sind nicht leiblich noch Ă€ußerlich. Was hilft es der Seele, dass der Leib nicht gefangen, frisch und gesund ist, isst, trinkt, lebt, wie er will? Umgekehrt, was schadet es der Seele, dass der Leib gefangen, krank und matt ist, hungert, dĂŒrstet und leidet, wie er es gerade nicht freiwillig tut? Keines dieser Dinge reicht an die Seele heran, sie zu befreien oder zu fangen, recht oder schlecht zu machen.

Zum Vierten.

Dementsprechend hilft es der Seele nichts, wenn der Leib heilige Kleider anlegt, wie es die Priester und Geistlichen tun, auch nicht, wenn er sich in Kirchen und an heiligen Orten aufhĂ€lt. Ebensowenig, wenn er mit heiligen Dingen umgeht. Und auch nicht, wenn er leiblich betet, fastet, pilgert und alle guten Werke tut, die durch den und in dem Leib ewiglich geschehen könnten. Es muss noch etwas ganz anderes sein, was der Seele Rechtsein und Freiheit bringt und gibt. Denn all die genannten StĂŒcke, TĂ€tigkeiten und Handlungsweisen kann auch ein böser Mensch an sich haben und ausĂŒben, ein Blender und Heuchler. So entsteht durch solch ein Wesen ein Volk von lauter Heuchlern. Umgekehrt schadet es der Seele nicht, wenn der Leib unheilige Kleider trĂ€gt, an unheiligen Orten ist, nicht isst, trinkt, pilgert und betet und alle die Werke anstehen lĂ€sst, die die genannten Heuchler tun.

Zum FĂŒnften.

Es hat die Seele nichts anderes, weder im Himmel noch auf Erden, worin sie leben kann, recht, frei und Christ sei, als das heilige Evangelium, das Wort Gottes von Christus gepredigt. Wie er selbst Johannes  11 sagt: Ich bin das Leben und die die Auferstehung. Wer an mich glaubt, der lebt ewiglich. Ebenso Johannes  17: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ebenso MatthĂ€us  4: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von allen Worten, die aus dem Mund Gottes gehen. Daher mĂŒssen wir nun gewiss sein, dass die Seele aller Dinge entbehren kann bis auf das Wort Gottes, und ohne Gottes Wort ist ihr durch gar nichts geholfen. Wenn sie aber das Wort hat, so braucht sie auch sonst nichts mehr, sondern sie hat an dem Wort GenĂŒge, Speise, Freude, Friede, Licht, Erkenntnis, Gerechtigkeit, Wahrheit, Weisheit, Freiheit und alles Gute im Überschwang. Entsprechend lesen wir im Psalter, besonders im Psalm  119, dass der Prophet nach nichts sonst schreit als nach Gottes Wort. Und in der Schrift wird es fĂŒr die die allerhöchste Plage und Gottes Zorn gehalten, wenn er sein Wort von den Menschen nimmt. Umgekehrt fĂŒr keine grĂ¶ĂŸere Gnade, wenn er sein Wort hinsendet, wie in Psalm  106 steht: Er hat sein Wort ausgesandt, damit hat er ihnen geholfen. Und Christus ist um keines anderen Amts willen gekommen als das Wort Gottes zu predigen. Auch alle Apostel, Bischöfe, Priester und der ganze geistliche Stand sind allein um des Wortes Gottes willen berufen und eingesetzt – obwohl es nun leider anders steht.

Zum Sechsten.

Fragst du aber: Was ist denn das Wort Gottes, das eine so große Gnade gibt? Und wie soll ich es gebrauchen?, dann lautet die Antwort: Es ist nichts anderes als die Predigt von Christus, die geschehen ist, wie sie das Evangelium enthĂ€lt. Die soll so sein und geschieht auch so, dass du deinen Gott zu dir reden hörst, dass all dein Leben und deine Taten nichts vor Gott sind, sondern dass du mit all dem, was in dir ist, ewiglich zugrunde gehen musst. Wenn du das recht glaubst, wozu du verpflichtet bist, dann wirst du an dir selbst verzweifeln und du wirst bekennen, dass das Wort Hoseas wahr ist: O Israel, in dir ist nichts als dein Verderben, allein in mir aber steht deine Hilfe. Damit du aber aus dir und von dir, das ist aus deinem Verderben herauskommen kannst, dazu stellt er seinen lieben Sohn Jesus Christus vor dich hin und lĂ€sst dir durch sein lebendiges, tröstliches Wort sagen: Du sollst dich in denselben mit festem Glauben ergeben und frisch auf ihn vertrauen. So sollen dir um dieses Glaubens willen alle deine SĂŒnden vergeben und all dein Verderben ĂŒberwunden sein, und du sollst gerecht, wahrhaftig, befriedet, recht sein; und alle Gebote sollen erfĂŒllt und du sollst von allen Dingen frei sein. Wie Paulus Römer  1 sagt: Ein gerechtfertigter Christ lebt nur von seinem Glauben. Und Römer  10: Christus ist das Ende und die Vollendung aller Gebote, fĂŒr die, die an ihn glauben.

Zum Siebten.

Darum soll das von Rechts wegen aller Christen einziges Werk und Übung sein, dass sie das Wort und Christus recht in sich bilden, solchen Glauben stetig ĂŒben und stĂ€rken. Denn kein anderes Werk kann einen Christen machen. Wie Christus Johannes  6 zu den Juden sagte, als sie ihn fragten, welche Werke sie tun sollten, dass sie gottgefĂ€llige und christliche Werke tĂ€ten, sprach er: Das ist das einzige Werk, das Gott gefĂ€llt, dass ihr an den glaubt, den Gott gesandt hat, den Gott allein auch dazu bestimmt hat. Darum ist ein rechter Glaube an Christus ein ganz ĂŒberschwenglicher Reichtum, denn er bringt mit sich alle Seligkeit und nimmt alle Unseligkeit weg. Wie es Markus  16 heißt: Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig. Wer nicht glaubt, der wird verdammt. Darum sah der Prophet Jesaja (Jesaja  10) den Reichtum des Glaubens an und sprach: Gott wird eine kurzes Ende machen auf Erden und an diesem kurze Ende wird wie eine Sintflut die Gerechtigkeit einfließen. Das heißt: Der Glaube, in dem kurz und knapp die ErfĂŒllung aller Gebote besteht, wird alle diejenigen, die ihn haben, im Überfluss rechtfertigen, so dass sie nichts mehr brauchen, um gerecht und gut zu sein. Ebenso sagt Paulus Römer  10: Dass man von Herzen glaubt, das macht einen Menschen gerecht und gut.

Zum Achten.

Wie geht es aber zu, dass der Glaube allein gerecht machen und ohne alle Werke so ĂŒberschwenglichen Reichtum geben kann, da uns doch in der Schrift so viele Gesetze, Gebote und Werke, Ordnungen und Handlungsweisen vorgeschrieben sind? Hier ist sorgfĂ€ltig zu beachten und mit Ernst festzuhalten, dass allein der Glaube ohne alle Werke gerecht, frei und selig macht, wie wir spĂ€ter mehr hören werden. Und es gilt zu wissen, dass die ganze heilige Schrift in zweierlei Worte aufgeteilt wird, nĂ€mlich: Gebot oder Gesetz Gottes und Verheißung oder Zusage. Die Gebote lehren und schreiben uns mancherlei gute Werke vor, aber damit sind diese noch nicht geschehen. Sie weisen wohl an, aber sie helfen nicht; sie lehren, was man tun soll, geben aber keine Kraft dazu. Daher sind sie nur darum angeordnet, dass der Mensch in ihnen sein Unvermögen zum Guten erkenne und lerne, an sich selbst zu verzweifeln. Darum heißen sie auch altes Testament und gehören alle ins alte Testament. So beweist etwa das Gebot: Du sollst keine böse Begierde haben, dass wir allesamt SĂŒnder sind, und dass kein Mensch ohne böse Begierde zu sein vermag, er tue, was er will. Daraus lernt er, an sich selbst zu verzagen und anderswo Hilfe zu suchen, dass er ohne böse Begierde sei, und also das Gebot erfĂŒlle durch einen andern, was er aus sich selbst nicht vermag. Und ebenso sind auch alle anderen Gebote uns zu erfĂŒllen unmöglich.

Zum Neunten.

Wenn nun der Mensch aus den Geboten sein Unvermögen gelernt und empfunden hat, so dass ihm nun Angst wird, wie er denn dem Gebot genĂŒge tue – zumal das Gebot erfĂŒllt sein muss, oder er muss verdammt sein –, so ist er recht gedemĂŒtigt und in seinen eigenen Augen zunichte geworden: er findet nichts in sich, wodurch er gerecht werden könnte. Dann jedoch kommt das andere Wort, die göttliche Verheißung und Zusage, und spricht: Willst du alle Gebote erfĂŒllen, deine böse Begierde und SĂŒnde los werden, wie die Gebote erzwingen und fordern, siehe da, glaube an Christus, in welchem ich dir alle Gnade, Gerechtigkeit, Friede und Freiheit zusage. Glaubst du, so hast du. Glaubst du nicht, so hast du nicht. Denn was dir unmöglich ist mit allen Werken der Gebote, deren es viele gibt und die doch keinen Nutzen haben können, das wird dir leicht und kurz durch den Glauben. Denn ich habe kurzum alle Dinge in den Glauben eingeschlossen, so dass der, der ihn hat, alle Dinge haben und selig sein soll; wer ihn nicht hat, der soll nichts haben. Daher geben die Zusagen Gottes, was die Gebote fordern, und vollbringen, was die Gebote befehlen, auf dass alles Gottes eigen sei, Gebot und ErfĂŒllung: Er befiehlt allein, er erfĂŒllt auch allein. Darum sind die Zusagen Gottes Worte des neuen Testaments und gehören auch ins neue Testament.

Zum Zehnten.

Also sind diese und alle Worte Gottes heilig, wahrhaftig, gerecht, friedfertig, frei und voll aller GĂŒte. Wer ihnen darum mit einem rechten Glauben anhĂ€ngt, dessen Seele wird mit diesem Wort vereinigt, so ganz und gar, dass alle Eigenschaften des Wortes auch der Seele zu eigen werden, und dass also durch den Glauben die Seele durch Gottes Wort heilig, gerecht, wahrhaft, friedfertig, frei und aller GĂŒte voll, ein wahrhaftiges Kind Gottes wird, wie Johannes  1 sagt: Er hat ihnen gegeben, dass sie Kinder Gottes werden sollen, alle, die an seinen Namen glauben.

Hieraus ist leicht festzuhalten, warum der Glaube so viel vermag und dass keine guten Werke ihm gleich sein können. Denn kein gutes Werk hĂ€ngt am göttlichen Wort wie der Glaube, es kann auch nicht in der Seele sein, sondern allein das Wort und der Glaube regieren in der Seele. Wie das Wort ist, so wird auch die Seele durch es, ebenso wie das Eisen durch die Vereinigung mit dem Feuer glutrot wird wie das Feuer. So sehen wir, dass ein Christenmensch an dem Glauben genug hat, dass er kein Werk braucht, um gerecht zu sein. Bedarf er aber keines Werkes mehr, dann ist er gewiss von allen Geboten und Gesetzen entbunden. Ist er entbunden, so ist er gewiss frei. Das ist die christliche Freiheit, der eine Glaube, der nicht macht, dass wir mĂŒĂŸig gehen oder ĂŒbel tun wĂŒrden, sondern dass wir keines Werkes bedĂŒrfen, um Gerechtigkeit und Seligkeit zu erlangen. Davon wollen wir spĂ€ter mehr sagen.

Zum Elften.

Weiter verhĂ€lt es sich mit dem Glauben so: Wer einem anderen glaubt, der glaubt ihm darum, weil er ihn fĂŒr einen gerechten, wahrhaftigen Mann ansieht, welches die grĂ¶ĂŸte Ehre ist, die ein Mensch dem anderen antun kann. So wie es umgekehrt die grĂ¶ĂŸte Schmach ist, wenn er den andern als einen unzuverlĂ€ssigen, lĂŒgenhaften, leichtfertigen Mann ansieht. Ebenso verhĂ€lt es sich, wenn die Seele Gottes Wort fest glaubt. Dann hĂ€lt sie ihn fĂŒr wahrhaftig, recht und gerecht; damit tut sie ihm die allergrĂ¶ĂŸte Ehre, die sie ihm tun kann. Denn darin gibt sie ihm Recht, darin lĂ€sst sie ihm Recht, darin ehrt sie seinen Namen und lĂ€sst ihn sie behandeln, wie er will. Denn sie zweifelt nicht daran, dass er gerecht und wahrhaftig sei in allen seinen Worten. Umgekehrt kann man Gott keine grĂ¶ĂŸere Unehre antun, als ihm nicht zu glauben, womit die Seele ihn fĂŒr einen Untauglichen, LĂŒgenhaften, Leichtfertigen hĂ€lt, und ihn, soviel an ihr liegt, mit solchem Unglauben verleugnet und einen Abgott aus eigenem Sinn im Herzen gegen Gott aufrichtet, als wollte sie es besser wissen als er. Wenn nun Gott sieht, dass ihm die Seele Wahrheit gibt und ihn darin durch ihren Glauben ehrt, so ehrt er sie umgekehrt und hĂ€lt sie auch fĂŒr gerecht und wahrhaftig durch den Glauben. Und sie ist auch gerecht und wahrhaftig durch solchen Glauben, denn dass man Gott die Wahrheit und Gerechtigkeit gibt, das ist Recht und Wahrheit und macht recht und wahrhaftig, weil es wahr und recht ist, dass Gott die Wahrheit gegeben wird. Das aber tun die nicht, die nicht glauben und sich doch mit vielen guten Werken umtreiben und abmĂŒhen.

Zum Zwölften.

Der Glaube gibt nicht nur so viel, dass die Seele dem göttlichen Wort gleich wird, aller Gnaden voll, frei und selig, sondern er vereinigt auch die Seele mit Christus wie eine Braut mit ihrem BrĂ€utigam. Aus dieser Ehe folgt, wie Paulus sagt, dass Christus und die Seele ein Leib werden – so werden auch beider GĂŒter eins, Gelingen und UnglĂŒck und alle Dinge. Denn was Christus hat, das ist der glĂ€ubigen Seele eigen, was die Seele hat, wird Christi eigen. So hat Christus alle GĂŒter und Seligkeit, die sind der Seele eigen. So hat die Seele alle Untugend und SĂŒnde auf sich, die werden Christi eigen. Hier hebt nun der fröhliche Wechsel und Austausch an: Da ja Christus Gott und Mensch ist, der niemals gesĂŒndigt hat und dessen Gerechtigkeit unĂŒberwindlich, ewig und allmĂ€chtig ist, wenn der die SĂŒnde der glĂ€ubigen Seele durch ihren Brautring, den Glauben, sich zu eigen macht und sich nicht anders verhĂ€lt, als hĂ€tte er sie getan, dann mĂŒssen die SĂŒnden in ihm verschlungen und ertrĂ€nkt werden, denn seine unĂŒberwindliche Gerechtigkeit ist allen SĂŒnden zu stark. So wird die Seele von allen ihren SĂŒnden allein durch ihre Mitgift, also um des Glaubens willen, los und frei und mit der ewigen Gerechtigkeit ihres BrĂ€utigams Christus beschenkt. Ist das nun nicht eine fröhliche Hochzeit, wo der reiche, edle, gerechte BrĂ€utigam Christus das arme, verachtete, unansehnliche MĂ€dchen heiratet und sie von allem Übel befreit, mit allen GĂŒtern ziert? Daher ist es unmöglich, dass die SĂŒnden sie verdammen, denn sie lasten nun auf Christus und sind in ihm verschlungen, daher besitzt sie eine so reiche Gerechtigkeit in ihrem BrĂ€utigam, dass sie erneut gegen alle SĂŒndev zu bestehen vermag, wenn sie denn auf ihr liegen. Davon spricht Paulus 1KorZEFANIABIBLE_BIBLE_BOOK_NAME_  : Gott sei Lob und Dank, der uns eine solche Überwindung in Christus Jesus gegeben hat, durch die der Tod mitsamt der SĂŒnde verschlungen ist.

Zum Dreizehnten.

Hier siehst du aber, aus welchem Grund dem Glauben zu Recht so viel zugeschrieben wird, dass er alle Gebote erfĂŒllt und ohne alle Werke gerecht macht. Denn du siehst hier, dass er allein das erste Gebot erfĂŒllt, in dem geboten wird: Du sollst den einen Gott ehren. Wenn du etwa von guten Werken durch und durch erfĂŒllt wĂ€rest bis zu den Fersen, so wĂ€rest du doch nicht gerecht und gĂ€best Gott doch keine Ehre und erfĂŒlltest also das allererste Gebot nicht. Denn Gott will nicht anders geehrt werden, als dass ihm die Wahrheit und alles Gute zugeschrieben werde, wie er wahrlich ist. Das aber tun keine guten Werke, sondern allein der Glaube des Herzens.

Darum ist er allein die Gerechtigkeit des Menschen und die ErfĂŒllung aller Gebote. Denn wer das erste, das Hauptgebot erfĂŒllt, der erfĂŒllt gewiss und leicht auch alle anderen Gebote. Die Werke aber sind tote Dinge, sie können Gott weder ehren noch loben, obwohl sie doch geschehen mĂŒssen und sich zu Gottes Ehre und Lob tun lassen. Wir aber suchen hier den, der nicht getan wird wie die Werke, sondern den SelbsttĂ€ter und Werkmeister, der Gott ehrt und die Werke tut. Das ist niemand anders als der Glaube des Herzens, der ist das Haupt und das ganze Wesen der Gerechtigkeit. Darum ist es eine gefĂ€hrliche, finstere Rede, wenn man lehrt, Gottes Gebote mit Werken zu erfĂŒllen, da doch die ErfĂŒllung vor allen Werken durch den Glauben geschehen sein muss und die Werke nach der ErfĂŒllung folgen, wie wir hören werden.

Zum Vierzehnten.

Damit wir weiter sehen, was wir in Christus haben und welch ein großes Gut ein rechter Glaube sei, muss man wissen, dass vor und in dem Alten Testament Gott fĂŒr sich auswĂ€hlte und vorbehielt alle mĂ€nnlichen Erstgeborenen von Menschen und von Tieren. Diese Erstgeburt war wertvoll und besaß zwei große VorzĂŒge vor allen anderen Kindern, nĂ€mlich die Herrschaft und die Priesterschaft, oder Königtum und Priestertum. DemgemĂ€ĂŸ war auf Erden der erstgeborene Knabe der Herr ĂŒber alle seine BrĂŒder und ein Geistlicher und Papst vor Gott. Mit diesem Typus ist Jesus Christus gemeint, der im eigentlichen Sinn der Erstgeborene Gottes aus der Jungfrau Maria ist. Daher ist er ein König und Priester, doch geistlich. Denn sein Reich ist nicht irdisch und besteht nicht in irdischen, sondern in geistlichen GĂŒtern, als da sind Wahrheit, Weisheit, Friede, Freude, Seligkeit usw. Damit aber ist zeitliches Gut nicht ausgenommen, denn es sind ihm alle Dinge unterworfen im Himmel, auf der Erde und in der Hölle, obwohl man ihn nicht sieht; das kommt daher, dass er geistlich und unsichtbar regiert.

Dementsprechend besteht sein Priestertum auch nicht in Ă€ußerlichem Verhalten und Kleidern, wie wir es bei den Menschen sehen, sondern es besteht unsichtbar im Geist, indem er ohne Unterlass vor Gottes Augen fĂŒr die Seinen einsteht und sich selbst opfert und alles tut, was ein rechter Priester tun soll. Er bittet fĂŒr uns, wie Paulus Römer  8 sagt. Damit lehrt er uns innerlich im Herzen, welches die zwei eigentlichen rechten Ämter eines Priesters sind. Denn ebenso bitten und lehren auch Ă€ußerliche, menschliche, zeitliche Priester.

Zum FĂŒnfzehnten.

Wie nun Christus die Erstgeburt innehat mit ihrer Ehre und WĂŒrde, ebenso teilt er sie allen seinen Christen mit, dass sie durch den Glauben auch alle Könige und Priester mit Christus sind. Wie Petrus 1PtrZEFANIABIBLE_BIBLE_BOOK_NAME_   sagt: Ihr seid ein priesterliches Königreich und ein königliches Priestertum. Und das geschieht so, dass ein Christenmensch durch den Glauben so hoch ĂŒber alle Dinge erhaben wird, dass er geistlich ein Herr ĂŒber alle Dinge wird und es kann ihm kein Ding zur Seligkeit schaden. Ja, es muss ihm alles untertan sein und ihm helfen zur Seligkeit, wie Paulus Römer  8 lehrt: Alle Dinge mĂŒssen den AuserwĂ€hlten zu ihrem Besten dienen, es sei Leben oder Sterben, SĂŒnde, Gerechtigkeit, Gutes, Böses, wie man es auch nennen mag. Ebenso 1KorZEFANIABIBLE_BIBLE_BOOK_NAME_  : Alle Dinge sind euer, es seien Leben oder Tod, GegenwĂ€rtiges oder ZukĂŒnftiges usw. Nicht dass wir aller Dinge leiblich mĂ€chtig wĂ€ren, sie zu besitzen oder zu gebrauchen wie die Menschen auf Erden, denn wir mĂŒssen leiblich sterben und niemand kann dem Tod entfliehen; so unterliegen wir auch vielen anderen Dingen, wie wir an Christus und den Heiligen sehen. Denn es ist eine geistliche Herrschaft, die da in der leiblichen UnterdrĂŒckung regiert, das heißt: ich kann mich ohne alle Dinge in der Seele stĂ€rken, dass auch der Tod und das Leiden mir zur Seligkeit dienen und nĂŒtzlich sein mĂŒssen. Das ist eine ganz besonders hohe WĂŒrde und eine wirklich allmĂ€chtige Herrschaft, ein geistliches Königreich, in dem es kein Ding so gut, so böse gibt, das nicht mir zugute dienen muss, wenn ich glaube – und ich bedarf seiner doch nicht, sondern mein Glaube ist mir genug. Siehe, was ist das fĂŒr eine köstliche Freiheit und Macht der Christen!

Zum Sechzehnten.

Über das hinaus sind wir Priester, das ist noch viel mehr als König zu sein; darum, weil uns das Priestertum wĂŒrdig macht, vor Gott zu treten und fĂŒr andere zu bitten. Denn vor Gottes Augen zu stehen und zu bitten, das kommt niemand als den Priestern zu. Eben dies hat uns Christus erworben, dass wir geistlich fĂŒr einander eintreten können und bitten, wie ein Priester fĂŒr das Volk leiblich eintritt und bittet. Wer aber an Christus nicht glaubt, dem dient kein Ding zugute, er ist ein Knecht aller Dinge und muss an allen Dingen Schaden nehmen. Überdies ist sein Gebet nicht angenehm, es kommt auch nicht vor Gottes Augen. Wer kann nun die Ehre und Hoheit eines Christenmenschen ausschöpfen? Durch sein Königtum ist er aller Dinge mĂ€chtig, durch sein Priestertum ist er Gottes mĂ€chtig, denn Gott tut, was er bittet und will, wie im Psalter geschrieben steht: Gott tut den Willen derer, die ihn fĂŒrchten und erhört ihr Gebet. Zu dieser Ehre kommt er nur durch den Glauben und durch kein Werk. Daraus ersieht man klar, dass ein Christenmensch frei ist von allen Dingen und ĂŒber alle Dinge, so dass er keiner guten Werke dafĂŒr bedarf, dass er gerecht und selig ist, sondern der Glaube bringt ihm alles im Überfluss. Und wenn er so töricht wĂ€re und meinte, durch ein gutes Werk gerecht, frei, selig oder ein Christ zu werden, so verlöre er den Glauben zugleich mit allen Dingen. Ebenso wie der Hund, der ein StĂŒck Fleisch im Maul trug und nach dem Spiegelbild im Wasser schnappte, damit Fleisch und Schatten verlor.

Zum Siebzehnten.

Wenn du fragst, was denn nun der Unterschied sei zwischen Priestern und Laien in der Christenheit, wenn doch alle Priester sind, so lautet die Antwort: Es ist dem Wort Priester, Pfaffe, Geistlicher und dergleichen Unrecht geschehen, dass man sie von der großem Menge auf die kleine Schar hin gezogen hat, die man jetzt geistlichen Stand nennt. Die heilige Schrift kennt keinen anderen Unterschied als dass sie die Gelehrten und Geweihten ministri, servi, oeconomi nennt, das heißt Diener, Knechte, Haushalter, die den anderen Christus, den Glauben und die christliche Freiheit predigen sollen. Denn obwohl wir doch alle Priester sind, so können wir doch nicht alle dienen oder haushalten oder predigen. Daher sagt Paulus 1Kor 4: Wir wollen von den Leuten fĂŒr nicht mehr gehalten werden als Christi Diener und Haushalter des Evangeliums. Aber heute ist aus der Haushalterei eine so weltliche, Ă€ußerliche, prunkvolle, furchterregende Herrschaft und Gewalt geworden, dass ihr die eigentliche weltliche Macht in keiner Hinsicht gleichkommt, gerade als wĂ€ren die Laien etwas anderes als Christen. Damit ist der ganze Sinn christlicher Gnade, christlicher Freiheit und christlichen Glaubens weggenommen. Alles, was wir von Christus haben, ja Christus selbst, ist ĂŒberwĂ€ltigt worden von viel Gesetz und Werk der Menschen, ist ganz geknechtet worden von den aller untauglichsten Menschen auf Erden.

Zum Achtzehnten.

Aus all dem lernen wir, dass es nicht genug gepredigt ist, wenn man Christi Leben und Werk oberflĂ€chlich und nur als eine historische Geschichte oder Chronik predigt – geschweige denn, dass man ganz von ihm schweigt und das geistliche Recht oder das Gesetz und die Lehre anderer Menschen predigt. Es gibt auch viele, die Christus ebenso predigen und verstehen, dass sie Mitleid mit ihm haben, mit den Juden zĂŒrnen oder andere kindische Weise darin ĂŒben. Aber er soll und muss so gepredigt werden, dass mir und dir der Glaube daraus erwachse und erhalten werde. Dieser Glaube wird dadurch erweckt und erhalten, dass mir gesagt wird, warum Christus gekommen ist, wie man sich seiner bedienen und ihn sich zunutze machen soll, was er mir gebracht und gegeben hat. Das geschieht, wenn man die christliche Freiheit, die wir von ihm haben, recht auslegt, und dass wir Könige und Priester sind, aller Dinge mĂ€chtig, und dass alles, was wir tun, vor Gottes Augen angenehm sei und erhört werde, wie ich bisher gesagt habe. Denn wenn ein Herz Christus so hört, muss es fröhlich werden von ganzem Grund, Trost empfangen und liebevoll gegen Christus werden, ihn seinerseits lieb zu haben. Dahin kommt es mit Gesetzen oder Werken niemals. Denn wer will einem solchen Herzen schaden oder es erschrecken? Fallen die SĂŒnde und der Tod ein, so glaubt es, dass Christi Gerechtigkeit sein sei und die SĂŒnde sei keineswegs sein, sondern Christi, dann muss die SĂŒnde vor Christi Gerechtigkeit im Glauben verschwinden, wie oben gesagt ist. Und das Herz lernt mit dem Apostel dem Tod und der SĂŒnde zu trotzen und zu sagen: Wo ist nun, Tod, dein Sieg? Wo ist nun, Tod, dein Stachel? Dein Stachel ist die SĂŒnde. Aber Gott sei Lob und Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch Jesus Christus, unseren Herrn. Und der Tod ist ertrĂ€nkt in seinem Sieg usw.

Zum Neunzehnten.

Das sei nun genug gesagt von dem inneren Menschen, von seiner Freiheit und seiner Hauptgerechtigkeit, welche keines Gesetzes oder guten Werkes bedarf, ja der es schĂ€dlich ist, wenn jemand dadurch sich vermessen wollte, gerechtfertigt zu werden. Nun kommen wir zum anderen Teil, auf den Ă€ußeren Menschen zu sprechen. Hier wollen wir nun all denen antworten, die sich an der vorangegangenen Rede Ă€rgern und zu sprechen pflegen: Ei, wenn der Glaube alle Dinge ausmacht und es allein auf ihn ankommt, ausreichend gerecht zu machen, warum sind dann die guten Werke geboten? Dann wollen wir guter Dinge sein und nichts tun! Nein, lieber Mensch, so nicht. Es verhielte sich zwar so, wenn du nur ein innerlicher Mensch wĂ€rest und ganz geistlich und innerlich geworden wĂ€rest, was aber bis zum jĂŒngsten Tag nicht geschieht. Es ist und bleibt auf Erden nur ein Anfangen und Zunehmen, das erst in jener Welt vollendet wird. Daher nennt es der Apostel primitia spiritus, das heißt: die ersten FrĂŒchte des Geistes, darum gehört hierher, was oben gesagt wurde: Ein Christenmensch ist einer dienstbarer Knecht und jedermann untertan, das heißt: Wenn er frei ist, braucht er nichts zu tun. Wenn er Knecht ist, muss er allerlei tun. Wie das zugeht, wollen wir sehen.

Zum Zwanzigsten.

Obwohl der Mensch innerlich, nach seiner Seele, durch den Glauben voll gerechtfertigt ist und alles hat, was er haben muss – nur dass dieser Glaube und sein GenĂŒgen noch weiter zunehmen muss bis in jedes Leben –, so bleibt er doch in diesem leiblichen Leben auf Erden und muss seinen eigenen Leib regieren und mit den Leuten umgehen. Da heben nun die Werke an, hier darf er nicht mĂŒĂŸig gehen, da muss der Leib fĂŒrwahr mit Fasten, Wachen, MĂŒhen und mit maßvoller Zucht bewegt und geĂŒbt werden, damit er dem inneren Menschen und dem Glauben gehorsam und gleichförmig werde, ihn nicht hindere und ihm nicht widerstrebe, wie es seine Art ist, wenn er nicht gezwungen wird. Denn ist der innere Mensch mit Gott einig, fröhlich und bereitwillig um Christi willen, der ihm so viel getan hat, und setzt alle seine Lust darein, dass er wiederum auch umsonst Gott dienen kann in freier Liebe, so findet er in seinem eigenen Fleisch einen widerspenstigen Willen, der der Welt dienen und suchen will, wozu es ihn gelĂŒstet. Das kann der Glaube nicht ertragen und legt sich mit Bereitwillen an seinen Hals, ihn zu mĂ€ĂŸigen und ihm zu wehren. Wie Paulus Römer  7 sagt: Ich habe eine Lust an Gottes Willen nach meinem inneren Menschen, ebenso aber finde ich einen anderen Willen in meinem Fleisch, der will mich mit SĂŒnden gefangen nehmen. Daher zĂŒchtige ich meinen Leib und treibe ihn in den Gehorsam, damit ich, der ich die anderen lehren soll, nicht selbst verwerflich werde. Ebenso Galater  5: Alle, die Christus angehören, kreuzigen ihr Fleisch mit seinen bösen GelĂŒsten.

Zum Einundzwanzigsten.

Aber diese Werke dĂŒrfen nicht in der Meinung geschehen, dass dadurch der Mensch vor Gott gerecht werde. Denn diese falsche Meinung kann der Glaube nicht ertragen, der allein die Gerechtigkeit vor Gott ist und sein muss. Sie dĂŒrfen nur in der Meinung geschehen, dass der Leib gehorsam und von seinen bösen GelĂŒsten gereinigt werde, und das Auge nur auf die bösen GelĂŒste sehe, sie auszutreiben. Denn wĂ€hrend die Seele rein ist durch den Glauben und Gott liebt, will sie gern, dass auch alle Dinge rein sind, zuerst der eigene Leib, und dass jedermann Gott mit ihr liebt und lobt. So geschieht es, dass der Mensch seines eigenen Leibes wegen nicht mĂŒĂŸig gehen kann, sondern darĂŒber hinaus viele gute Werke tun muss, damit er ihn bezwingt – und doch sind die Werke nicht das rechte Gut, wodurch er recht und gerecht wird vor Gott, sondern er soll sie tun aus freier Liebe umsonst, Gott zu gefallen, und dass nichts anderes darin gesucht oder angesehen werde, als dass es Gott eben so gefĂ€llt, um wessen Willen er es gern aufs Allerbeste tĂ€te. Daraus kann jeder das Maß und die BeschrĂ€nkung entnehmen, den Leib zu kasteien. Denn der Mensch fastet, wacht, mĂŒht sich soviel, wie er sieht, dass dem Leib notwendig ist, seinen Mutwillen zu zĂŒgeln. Die anderen aber, die da meinen, mit Werken gerecht zu werden, die geben auf die ZĂŒgelung nicht acht, sondern sehen nur auf die Taten und meinen, wenn sie davon nur viele und große tun, so sei es wohlgetan und sie wĂŒrden gerecht; die zerbrechen sich immer wieder die Köpfe und verderben ihre Leiber darĂŒber. Das ist eine große Torheit und ein großes MissverstĂ€ndnis christlichen Lebens und Glaubens, dass sie ohne Glauben durch Werke gerecht und selig werden wollen.

Zum Zweiundzwanzigsten.

DafĂŒr wollen wir einige Beispiele geben. So soll man die Werke eines Christenmenschen, der durch seinen Glauben und aus lauter Gnade gerecht geworden ist, nicht anders ansehen als die Werke Adams und Evas im Paradies, wovon 1.Mose  2 geschrieben steht, dass Gott den geschaffenen Menschen ins Paradies setzt, damit er es bearbeiten und bewahren solle. Nun war Adam von Gott gerecht und gut geschaffen, ohne SĂŒnde, so dass er durch sein Arbeiten und Bewahren nicht gut und gerecht werden brauchte. Doch damit er nicht mĂŒĂŸig ginge, gab ihm Gott zu schaffen, das Paradies zu bepflanzen, zu bebauen und zu bewahren. Das wĂ€ren lauter freie Werke gewesen, um keines anderen Dinges willen getan, als um Gott zu gefallen und nicht um Gerechtigkeit zu erlangen, die er doch schon zuvor besaß und die auch uns allen natĂŒrlich angeboren gewesen wĂ€re. Ebenso bedarf das Werk eines glĂ€ubigen Menschen, welcher durch seinen Glauben auf Neue ins Paradies versetzt und von neuem geschaffen wurde, keiner Werke, um gerecht zu werden; sondern damit er nicht mĂŒĂŸig gehe und seinen Leib bearbeite und bewahre, darum sind ihm solche freien Werke, allein Gott zu gefallen, befohlen.

Gleichfalls, ebenso wenn ein geweihter Bischof Kirchen segnet, firmt oder sonst sein Amt ausĂŒbt, so machen ihn diese Werke nicht zu einem Bischof. Ja, wenn er nicht zuvor zum Bischof geweiht wĂ€re, so taugte keines dieser Werke und wĂ€re lauter Narrenwerk. Ebenso wird ein Christ, der durch den Glauben geweiht ist, gute Werke tut, durch diese nicht besser oder mehr geweiht (solches tut nur die Mehrung des Glaubens selbst) zu einem Christen. Ja, wenn er nicht zuvor glaubte und Christ wĂ€re, so gĂ€lten alle seine Werke nichts, sondern wĂ€ren rein nĂ€rrisch, strĂ€fliche und verdammenswĂŒrdige SĂŒnde.

Zum Dreiundzwanzigsten.

Darum sind diese beiden Sprichworte wahr: Gute gerechte Werke machen niemals einen guten gerechten Menschen, sondern ein guter gerechter Mensch tut gute gerechte Werke. Schlechte Werke machen niemals einen schlechten Menschen, sondern ein schlechter Mensch tut schlechte Werke. Daher muss stets die Person zuvor gut und gerecht sein vor allen Werken und es mĂŒssen gute und gerechte Werke folgen und ausgehen von der gerechten guten Person.

Gleich wie Christus sagt: Ein schlechter Baum trĂ€gt keine gute Frucht. Ein guter Baum trĂ€gt keine schlechte Frucht. Denn es ist offenkundig, dass nicht die FrĂŒchte den Baum tragen, auch die BĂ€ume nicht auf den FrĂŒchten wachsen, sondern umgekehrt: Die BĂ€ume tragen die FrĂŒchte, und die FrĂŒchte wachsen auf den BĂ€umen. Wie nun die BĂ€ume eher da sein mĂŒssen als die FrĂŒchte, und wie nun die FrĂŒchte die BĂ€ume weder gut noch schlecht machen, sondern die BĂ€ume die FrĂŒchte machen – so muss auch der Mensch in seiner Person zuvor gerecht oder böse sein, ehe er gute oder böse Werke tut. Und seine Werke machen ihn nicht gut oder böse, sondern er tut gute oder böse Werke. Dasselbe sehen wir in allen Handwerken. Ein gutes oder schlechtes Haus macht keinen guten oder schlechten Zimmermann, sondern ein guter oder schlechter Zimmermann macht ein schlechtes oder gutes Haus. Kein Werk macht einen Meister nach dem, was das Werk ist, sondern wie der Meister ist, so ist auch sein Werk. Ebenso verhĂ€lt es sich mit den Werken des Menschen auch: Wie es mit ihm steht im Glauben oder Unglauben, danach sind seine Werke gut oder schlecht. Und nicht umgekehrt: Wie seine Werke dastehen, danach sei er gerecht oder glĂ€ubig. Die Werke machen nicht gerecht, ebensowenig wie sie glĂ€ubig machen. Aber der Glaube, gleich wie er gerecht macht, so tut er auch gute Werke. Da nun die Werke niemand gerecht machen und der Mensch zuvor gerecht sein muss, bevor er wirkt, ist es offenkundig, dass allein der Glaube aus reiner Gnade durch Christus und sein Wort die Person völlig gerecht und selig macht. Und dass kein Werk, kein Gebot einem Christen zur Seligkeit nötig sei, sondern er von allen Geboten frei ist und aus reiner Freiheit umsonst alles tut, was er tut, und nichts, womit er seinen Nutzen oder seine Seligkeit sucht – denn er ist schon zufrieden und selig durch seinen Glauben und Gottes Gnade –, sondern nur um Gott darin zu gefallen.

Zum Vierundzwanzigsten.

Umgekehrt ist dem, der ohne Glauben ist, kein Werk zur Gerechtigkeit und Seligkeit dienlich, wie ihn umgekehrt keine schlechten Werke schlecht und verdammenswĂŒrdig machen. Vielmehr tut der Unglaube, der die Person und den Baum schlecht macht, schlechte und verdammte Werke. Darum ob man gerecht oder böse wird, beginnt das nicht mit den Werken, sondern mit dem Glauben. Wie der Weise sagt: Der Anfang aller SĂŒnde besteht darin, von Gott zu weichen und ihm nicht zu trauen. Ebenso lehrt auch Christus, dass man nicht bei den Werken beginnen darf und sagt: Macht entweder den Baum gut und seine FrĂŒchte gut oder macht den Baum schlecht und seine FrĂŒchte schlecht; so als wollte er sagen: Wer gute FrĂŒchte haben will, muss zuvor mit dem Baum beginnen und ihn gut setzen. Ebenso, wer gute Werke haben will, darf nicht mit den Werken beginnen, sondern mit der Person, die die Werke tun soll. Die Person aber macht niemand gut als allein der Glaube, und niemand macht die Person schlecht als allein der Unglaube. Das ist gewiss wahr: Die Werke machen einen gerecht oder böse vor den Menschen, das heißt: Sie zeigen Ă€ußerlich an, wer gerecht oder böse sei. Wie Christus sagt MatthĂ€us  7: An ihren FrĂŒchten sollt ihr sie erkennen. Aber das geht alles auf die Erscheinung und ist Ă€ußerlich. Dieses Ansehen verwirrt viele Leute, die schreiben und lehren, dass man gute Werke tun soll, um gerecht zu werden – wobei sie doch an den Glauben gar nicht denken. Sie gehen dahin und es fĂŒhrt stets ein Blinder den anderen. Sie plagen sich mit vielen Werken und kommen doch niemals zu der rechten Gerechtigkeit, von der Paulus sagt 2Tim 3: Sie haben einen Anschein der Gerechtigkeit, aber der Grund ist nicht vorhanden. Sie gehen hin und lernen fort und fort und kommen doch niemals zur Erkenntnis der wahren Gerechtigkeit.

Wer nun nicht mit diesen Blinden irren will, der muss weiter sehen als auf die Werke, Gebote oder die Lehre von den Werken. Er muss vor allen Dingen die Person ansehen, wie die gerecht wird. Die wird aber nicht durch Gebote und Werke, sondern durch Gottes Wort (das ist durch seine Verheißung der Gnade) und den Glauben gerecht und selig, damit die göttliche Ehre Bestand habe, in der er uns nicht durch unser Werk, sonder durch sein gnĂ€diges Wort umsonst und in reiner Barmherzigkeit selig mache.

Zum FĂŒnfundzwanzigsten.

Aus dem allem ist leicht zu verstehen, inwiefern gute Werke zu verwerfen und nicht zu verwerfen sind und wie man alle Lehre verstehen soll, welche gute Werke lehrt. Denn wo der falsche Zusatz und die verkehrte Meinung darin stecken, dass wir durch die Werke gerecht und selig werden sollen, sind sie schon nicht gut, sondern ganz zu verurteilen. Denn sie sind nicht frei und beleidigen die Gnade Gottes, die allein durch den Glauben gerecht und selig macht – was die Werke nicht vermögen, sich aber vornehmen das zu tun und damit der Gnade in ihr Werk und ihre Ehre greifen. Darum verwerfen wir die guten Werke nicht um ihrer selbst willen, sondern um des schlechten Zusatzes und falscher, verkehrter Meinung willen. Dies bewirkt, dass sie nur gut zu sein scheinen und doch nicht gut sind, sie betrĂŒgen sich selbst und jedermann damit, wie die reißenden Wölfe in Schafskleidern.

Aber der schlechte Zusatz und die verkehrte Meinung ĂŒber die Werke sind unĂŒberwindlich, wenn der Glaube nicht da ist. Sie mĂŒssen in einem solchen Werkheiligen da sein, bis der Glaube kommt und ihn verstört. Diese vermag die Natur nicht aus sich selbst auszutreiben. Ja, nicht einmal diese erkennen, sondern sie hĂ€lt sie fĂŒr ein köstliches und wertvolles Ding; darum werden so viele dadurch verfĂŒhrt. Darum, ob es wohl gut ist, von der Reue, der Beichte, der Genugtuung zu schreiben und zu predigen: wenn man nicht weiterfĂŒhrt bis zum Glauben, so handelt es sich zweifellos um eine ganz teuflische, verfĂŒhrerische Lehre. Man darf nicht eines allein predigen, sondern beide Worte Gottes: Die Gebote soll man predigen, um die SĂŒnder zu erschrecken und ihnen ihre SĂŒnde offenkundig zu machen, damit sie Reue empfinden und sich bekehren. Aber dabei soll es nicht bleiben, man muss das andere Wort, die Verheißung der Gnade auch predigen, um den Glauben zu lehren, ohne den die Reue aus den Geboten und alles andere vergebens geschieht. Es sind gewiss noch Prediger ĂŒbrig geblieben, die Reue ĂŒber die SĂŒnde und Gnade predigen, aber sie legen die Gebote und die Zusage Gottes nicht so aus, dass man lernt, woher und wie die Reue und die Gnade kommen. Denn die Reue fließt aus den Geboten, der Glaube aus der Zusage Gottes, und dadurch wird der Mensch durch den Glauben an die göttlichen Worte gerechtfertigt und erhoben, der durch die Furcht vor Gottes Gebot gedemĂŒtigt und zur Selbsterkenntnis gekommen ist.

Zum Sechsundzwanzigsten.

Das sei nun von den Werken insgesamt gesagt und denen, die ein Christenmensch an seinem eigenen Leibe ĂŒben soll. Jetzt wollen wir von weiteren Werken sprechen, die er im VerhĂ€ltnis zu anderen Menschen tut. Denn der Mensch lebt nicht allein in seinem Leib, sondern unter anderen Menschen auf Erden. Darum kann er nicht ohne Werke sein gegen diese, er muss ja mit ihnen zu reden und zu schaffen haben, obwohl ihm keines dieser Werke nötig ist zur Gerechtigkeit und Seligkeit. Darum soll seine Meinung in allen Werken frei und nur darauf hin ausgerichtet sein, dass er anderen Leuten damit diene und nĂŒtzlich sei. Nichts anderes soll er sich vornehmen als was den anderen nötig ist: das ist ein wahrhaftiges Christenleben, und da geht der Glaube mit Lust und Liebe zu Werke, wie Paulus die Galater lehrt. Denn die Philipper, als er sie gelehrt hatte, wie sie alle Gnade und GenĂŒge durch ihren Glauben an Christus hĂ€tten, lehrt er weiter und sagt: Ich ermahne euch bei allem Trost, den ihr in Christus habt, und bei allem Trost, den ihr von unserer Liebe zu euch habt, und bei aller Gemeinschaft, die ihr mit allen geistlichen rechten Christen habt, ihr wolltet mein Herz vollkommen erfreuen; und zwar damit, dass ihr hinfort eines Sinnes seid, einer dem anderen Liebe erzeigen, einer dem anderen dienen und ein jeder acht haben nicht auf sich selbst und das Seine, sondern auf den anderen und was diesem nötig ist. (Philipper  2) Siehe, da hat Paulus das christliche Leben klar daraufhin bestimmt, dass alle Werke dem NĂ€chsten zu gut ausgerichtet sind, weil doch ein jeder fĂŒr sich selbst genug hat an seinem Glauben und alle anderen Werke und sein Leben ihm zur VerfĂŒgung stehen, um seinem NĂ€chsten damit aus freier Liebe zu dienen. Dazu fĂŒhrt er Christus als Beispiel an und sagt: Seid ebenso gesinnt wie ihr es an Christus seht, welcher, ob er gleich in göttlicher Gestalt war und fĂŒr sich selbst genug hatte und ihm sein Leben, Wirken und Leiden nicht nötig waren, um gerecht und selig zu werden, sich doch all dessen entĂ€ußert und sich als Knecht verhalten hat, allerlei getan und gelitten, nichts als unser Bestes angesehen und also, obwohl er frei war, doch um unsertwillen ein Knecht geworden ist.

Zum Siebenundzwanzigsten.

Darum soll ein Christenmensch wie Christus, sein Haupt sein, erfĂŒllt und zufrieden, sich auch an seinem Glauben genĂŒgen lassen, diesen immer mehren, worin sein Leben, seine Gerechtigkeit und Seligkeit bestehen. Der gibt alles, was Christus und Gott hat, wie oben gesagt ist. Wie Paulus Galater  1 sagt: Was ich noch in diesem Körper lebe, das lebe ich in dem Glauben an Christus, Gottes Sohn. Der Christenmensch soll, da er nun ganz frei ist, sich umgekehrt bereitwillig zum Diener machen, um seinem NĂ€chsten zu helfen, mit ihm verfahren und ihn behandeln, wie Gott mit ihm durch Christus gehandelt hat – und das alles umsonst, nichts darin suchen als göttliches Wohlgefallen, und so dabei denken: Wohlan, mein Gott hat mir unwĂŒrdigem, verdammtem Menschen ohne alles Verdienst, rein umsonst und aus bloßer Barmherzigkeit durch und in Christus vollen Reichtum der Gerechtigkeit und Seligkeit gegeben, so dass ich weiterhin nicht mehr brauche als glauben, es sei so. Nun, so will ich einem solchen Vater, der mich mit seinen eigenen, ĂŒberschwenglichen GĂŒtern so ĂŒberschĂŒttet hat, umgekehrt frei, fröhlich und umsonst tu, was ihm wohlgefĂ€llt und meinem NĂ€chsten auch ein Christ werde, wie Christus mit geworden ist, und nichts anderes tun, als nur das, was ich sehe, dass ihm nötig, nĂŒtzlich und förderlich sei, weil ich ja durch meinen Glauben aller Dinge in Christus genug habe. Sieh, so fließt aus dem Glauben die Liebe und Lust zu Gott, und aus der Liebe ein freies, bereitwilliges, fröhliches Lebens, dem NĂ€chsten umsonst zu dienen. Denn gleich wie unser NĂ€chster Not leidet und unseres Überflusses bedarf, so haben wir vor Gott Not gelitten und seiner Gnade bedurft. Darum, wie uns Gott durch Christus umsonst geholfen hat, ebenso sollen wir durch unseren Leib und seine Werke nichts anderes tun als dem NĂ€chsten zu helfen. Da sehen wir, um was fĂŒr ein hohes edles Leben es sich beim christlichen Leben handelt, was leider derzeit in aller Welt nicht allein daniederliegt, sondern auch nicht mehr bekannt ist noch gepredigt wird.

Zum Achtundzwanzigsten.

Ebenso lesen wie Lukas  2, wie die Jungfrau Maria in den Tempel ging nach sechs Wochen und sich nach dem Gesetz reinigen ließ wie alle anderen Frauen, obwohl sie doch nicht unrein noch zu dieser Reinigung verpflichtet war, sie auch nicht nötig hatte. Aber sie tat es aus freier Liebe, um die anderen Frauen nicht zu verachten. sondern in ihrer Gesellschaft bliebe.

Ebenso ließ Paulus den Timotheus beschneiden, nicht weil es nötig gewesen wĂ€re, sondern damit er den schwachglĂ€ubigen Juden keinen Anlass gĂ€be zu schlechten Gedanken. DemgegenĂŒber wollte er Titus nicht beschneiden lassen, als man ihn dazu drĂ€ngen wollte, er mĂŒsse beschnitten sein und das wĂ€re zur Seligkeit nötig. Und als von seinen JĂŒngern der Zinspfennig gefordert wurde, disputierte Christus mit Petrus, ob sie nicht Königskinder wĂ€ren, frei, diese Abgabe zu zahlen. Und als Petrus das bejahte, befahl er ihm doch, ans Meer zu gehen und sprach: Damit wir sie nicht Ă€rgern, geh hin, den ersten Fisch, den du fĂ€ngst, den nimm und in seinem Maul wirst du einen Pfennig finden, den gib fĂŒr mich und dich. Das ist ein schönes Beispiel fĂŒr diese Lehre, dass Christus sich und die Seinen freie Königskinder nennet, die keines Dings bedĂŒrfen, und sich doch bereitwillig unterwirft, dient und den Zins gibt. So wenig nun das Werk Christi nötig war und gedient hĂ€tte zu seiner Gerechtigkeit und Seligkeit, so wenig sind seine und seiner Christen Werke ihnen zur Seligkeit nötig, sondern es sind alles freie Dienste um der andern willen und zu ihrer Besserung. In diesem Sinne sollten auch alle Werke der Priester, Klöster und Stifte getan werden, dass ein jeder das Werk seines Standes und Ordens allein darum tĂ€te, den anderen zufriedenzustellen und seinen Leib zu regieren, den anderen ein Beispiel zu geben, ebenso zu tun, die doch auch ihren Leib bezwingen mĂŒssen und sich doch immer vorsehen mĂŒssen, dass sie nicht dadurch gerecht und selig werden wollen, was doch allein in der Kraft des Glaubens steht. In diesem Sinne gebietet auch Paulus Römer  13 und Titus  3, dass die Christen weltlicher Gewalt untertan sein und zur VerfĂŒgung stehen sollten, nicht dass sie dadurch gerecht werden können, sondern dass sie den anderen und der Obrigkeit damit frei dienen sollten und deren Willen aus Liebe und Freiheit tĂ€ten. Wer nun ĂŒber dieses VerstĂ€ndnis verfĂŒgt, der kann sich leicht auf die unzĂ€hligen Geboten und Gesetzes des Papstes, der Bischöfe, der Klöster, der Stifte, FĂŒrsten und Herren einrichten, die etliche verrĂŒckte PrĂ€laten so auslegen, als seien sie nötig zur Seligkeit und nennen sie Gebote der Kirche, wiewohl zu Unrecht. Denn ein freier Christ spricht so: Ich will fasten, beten, dies und das tun, was geboten ist, nicht das ich dessen bedĂŒrfte oder dadurch gerecht und selig werde wollte, sondern ich will es dem Papst, dem Bischof, der Gemeinde oder meinem Mitbruder, meinem Herrn zuliebe als Beispiel und Dienst tun und leiden, gleich wie mir Christus mir zuliebe viel GrĂ¶ĂŸeres getan und gelitten hat, was ihm noch viel weniger nötig war. Und wenn auch die UnterdrĂŒcker Unrecht tun, solches zu fordern, so schadet es mir doch nicht, sofern es nicht gegen Gott ist.

Zum Neunundzwanzigsten.

Hieraus kann ein jeder ein sicheres Urteil und eine Unterscheidung gewinnen fĂŒr alle Werke und Gebote, auch darĂŒber, welchs blinde, verrĂŒckte und welche rechtsinnige PrĂ€laten sind. Denn welches Werk nicht darauf ausgerichtet ist, dem andern zu dienen oder seinen Willen zu ertragen, sofern er nicht dazu zwinge, gegen Gott zu handeln, so ist es nicht ein gutes christliches Werk. Daher kommt es, dass ich mir Sorgen mache, dass wenige Stiftskirchen, Klöster, AltĂ€re, Messen, Testamente christlich sind, dazu auch das Fasten und das Gebet zu einigen Heiligen, wenn es fĂŒr sich getan wird. Denn ich befĂŒrchte, dass in all dem jeder nur das Seine sucht, meint, damit seine SĂŒnde zu bĂŒĂŸen und selig zu werden. Das alles kommt aus der Unwissenheit ĂŒber den Glauben und die christliche Freiheit und durch etliche blinde PrĂ€laten, die die Leute dahin treiben und ein solches Wesen preisen, mit Ablass schmĂŒcken und den Glauben nicht mehr lehren. Ich rate dir aber: Willst du etwas stiften, beten, fasten, so tu es nicht in der Meinung, du wollest dir etwas Gutes tun, sondern gib es frei weg, dass andere Leute davon Nutzen haben und tu es ihnen zugute, dann bist du ein rechter Christ. Wozu sollen dir deine GĂŒter und guten Werke, die im Überfluss geschehen, deinen Leib zu regieren und zu versorgen, dienen, da du genug hast am Glauben, worin dir Gott alle Dinge gegeben hat. Sieh, auf diese Weise mĂŒssen Gottes GĂŒter aus dem einen in den andern fließen und gemeinschaftlich werden, dass ein jeder sich seines NĂ€chsten so annehme, als wĂ€re er es selbst. Aus Christus fließen sie in uns, der sich in seinem Leben unser angenommen hat, als wĂ€re er das gewesen, was wir sind. Aus uns sollen sie fließen in die, die sie nötig haben. Bis dahin, dass ich sogar meinen Glauben und meine Gerechtigkeit fĂŒr meinen NĂ€chsten vor Gott einsetze, um seine SĂŒnde zu decken, sie auf mich zu nehmen und nicht anders damit umzugehen, als wĂ€ren sei mein eigen, eben so wie es Christus fĂŒr uns alle getan hat. Sieh, das ist die Natur der Liebe, wenn sie wahrhaftig ist. Sie ist aber da wahrhaftig, wo der Glaube wahrhaftig ist. Darum spricht der Apostel der Liebe 1Kor 13 zu, dass sie nicht das Ihre sucht, sondern was des NĂ€chsten ist.

Zum Dreißigsten.

Aus dem allem ergibt sich die Folgerung, dass ein Christenmensch nicht in sich selbst lebt, sondern in Christus und seinem NĂ€chsten. In Christus durch den Glauben, im NĂ€chsten durch die Liebe. Durch den Glauben fĂ€hrt er ĂŒber sich in Gott. Aus Gott fĂ€hrt er wieder unter sich durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und in göttlicher Liebe. Gleich wie Christus sagt Johannes  1: Ihr werdet den Himmel offen stehen sehen und die Engel auf- und absteigen ĂŒber den Sohn des Menschen.

Sieh, das ist die rechte geistliche christliche Freiheit, die das Herz frei macht von allen SĂŒnden, Gesetzen und Geboten, welche alle andere Freiheit ĂŒbertrifft wie der Himmel die Erde. Die gebe uns Gott recht zu verstehen und zu behalten. Amen.

Amen.

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